Manchmal wäre ich gerne jemand anders. Heute Morgen wäre ich zum Beispiel sehr gerne jemand gewesen, der tierisch darauf steht, ab zu waschen. Jemand, der sich total darüber freut, wenn er eine komplexe Sammlung aus Tellern, Tassen, Gabeln, Messern, Schüsseln und Schalen, teilweise noch mit angeschimmelten Essensresten,  so richtig schön sauber machen kann.
Wenn ich es im Supermarkt so richtig eilig habe, dann wäre ich gerne jemand weiter vorne in der Schlange an der schnellsten Kasse und wenn ich Filme schaue, dann wäre ich gerne der Hauptdarsteller oder eine richtig starke Figur im Hintergrund.

Manchmal wäre ich gerne größer. Oder kleiner. Oder schöner, Oder auffälliger. Oder dünner. Oder dunkler. Oder heller. ich würde gerne mit so einem Schalter am Gürtel wechseln können. Wäre auch ganz cool auf Dates.

Das ein oder andere Mal wäre ich einfach nicht so gerne ich. Wenn es mal wieder unangenehm wird, zum Beispiel. Seit ich ein Kind war, habe ich eine Reihe unangenehmer Auftritte vor Publikum hingelegt. In Brighton wollte ich mit 14 über einen kleinen Zaun springen, bin hängen geblieben und habe mich vor sicher 80 Leuten im Park so richtig schön auf die Fresse gelegt. In der 12. Klasse bin ich im Winter mal bei Glatteis direkt vor der Schule auf dem Zebrastreifen ausgerutscht und hart auf den Hintern gefallen. Hat die ganze Schule gesehen. Im Teamfinale der deutschsprachigen Siammeisterschaften 2014 in Dresden habe ich im ausverkauften Saal bei einer MDR- Fernsehaufzeichnung den Text vergessen.

Von ersten Dates und peinlicher Verliebtheit fange ich gar nicht erst an. Wenn das Gefühl mal wieder zu stark wird, dass ich doch bitte jemand anders sein sollte, dann stelle ich mir vor, wer das wäre. Dann tue ich so, als wäre ich das. Und am Ende des Tages, schaue ich mir in die Augen und bin eigentlich ganz glücklich, dass ich bin wer ich bin.

 

Manchmal wäre ich gerne jemand anders
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